(Un)Sinn digitaler Ressourcen in der OKJA?

In der aktuellen Zeit der Corona-Krise, steht die offene Kinder- und Jugendarbeit vor einer grossen Herausforderung. Durch die physische Distanz, welche zu den Kindern und Jugendlichen besteht, setzten viele Fachstellen den Fokus auf digitale Onlineangebote. Es entstehen Angebote wie Fortnite gamen mit Jugendlichen, Video-Challenges, Video-Treff, Online-Kochtutorials u.v.m. Unter kritischer Betrachtung, verfolgen wir die Entwicklung und erste Erfahrungsberichte, welche andere Fachstellen der OKJA mit digitalen Onlineangebote machen. Von sehr gelungenen Projekten, bis hin zu eher fraglichen Vorgehensweisen, wird momentan viel ausprobiert. Grundsätzlich finden wir mutiges Ausprobieren eine gute Sache – doch mit welchem Ziel? Und wer genau soll mutig ausprobieren? Ist es sinnvoll, dass wir als Fachpersonen plötzlich zu Influencer*innen werden? Und was brauchen Kinder und Jugendliche in einer solchen Zeit von uns?

Wir stellten bezüglich dem ROJA-Gebiet fest, dass die Bildschirmzeit bei Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise hoch ist. Die Schule, die Musikschule, der Sportclub, das Miteinander-in-Kontakt bleiben, die Langeweile und die Freizeit – alle treffen sich im Netz. Überall werden Dinge (zwangsläufig) vor dem Bildschirm gemacht. So ist die Verlockung eines virtuellen Jugendtreffs gross. Einige Jugendfachstellen vermitteln unserer Meinung nach: Wir passen uns schnell an, meinen die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zu kennen und haben technisch alles im Griff.

 

Für uns war aber immer klar, dass wir digitale Onlineangebote nur anbieten, wenn Bedarf vorhanden ist, also eine konkrete Anfrage erfolgt. Unsere Haltung «Freiraum für Kreativität, Langeweile, Ausprobieren und Experimentieren» schreit danach, nichts anderes zu tun als da zu sein und zu beobachten, wie Kinder und Jugendliche ihren Weg gehen, ohne diesen zu stark beeinflussen zu wollen.

 

So sind wir der Meinung, dass es nicht das Ziel sein kann, weitere digitale Angebote zu kreieren, damit es Kindern und Jugendlichen nicht mehr langweilig ist. Langeweile auszuhalten, gehört zu einer wichtigen Lebenserfahrung für Kinder und Jugendliche und soll auch ausgehalten werden.
Auch für uns Erwachsenen ist die Langeweile und der Umgang mit dem «Nichtstun» eine herausfordernde Aufgabe. Wie gehen wir als Fachstelle mit dem «nichts oder weniger tun» um? Halten wir es aus, wenn mal nicht so viel läuft oder neigen wir dazu hyperaktiv zu werden und Angebote zu kreieren, nur damit dieser Zustand überbrückt werden kann? Was wir von Kindern und Jugendlichen fordern, sollten wir auch selbst umsetzten können. Als Fachstelle hat man diesbezüglich eine Vorbildfunktion, die es zu reflektieren gilt.

Die momentane Lage sollte auch als Chance genutzt werden, sich kritisch mit dem Berufsfeld der OKJA auseinanderzusetzten. Welchen Stellenwert haben die Grundprinzipien wie «Offenheit», «Freiwilligkeit» und «Partizipation» in einer solchen Krise überhaupt noch und wie können diese trotz erschwerten Bedingungen umgesetzt werden? Entscheidet man sich als Fachstelle dafür, vermehrt und intensiver Onlineangebote zu nutzen, diese neu zu entwickeln und auszubauen, bedingt dies unserer Meinung nach auch, dass eigene Konzepte im Umgang mit digitalen Medien kritisch betrachtet und vorgängig angepasst werden. Denn der professionelle Umgang mit digitalen Medien erfordert von Fachpersonen eine professionelle Herangehensweise. Dies bedingt ein strukturiertes Vorgehen, damit Massnahmen fachlich begründet und systematisch angegangen werden können (vgl. DOJ, Fachgruppe Digitale Medien).

Der Leitfaden «Digitale Medien in der OKJA» der DOJ Fachgruppe Digitale Medien, kann als sehr hilfreiches Tool angesehen werden, wenn es um die Neuentwicklung oder Anpassung solcher Konzepte geht. Er bietet umfassende Hinweise und Vorschläge, wie eine Konzeptentwicklung zum Einbezug von digitalen Medien in die Arbeit der OKJA angegangen werden kann.

 

Wir sind der Meinung, dass digitale Angebote dann funktionieren können und bei Kinder und Jugendlichen anklingen, wenn bereits vor dem Lockdown entsprechende Angebote umgesetzt worden sind. Diese wurden idealerweise in einem partizipativen Prozess mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt und sind somit ohnehin geprägt von ihren Ideen, Wünschen und Bedürfnissen. An solchen Angeboten kann in der aktuellen Zeit bestens angeknüpft werden. Angebote welche jedoch neu geschaffen und nur aus der Idee der Fachstelle generiert wurden, werden kaum gelingend sein.

 

Die «freie Zeit», welche auf Grund der aktuellen Lage entsteht – und trotz Schulstart nach wie vor gegeben ist – soll auch für Familienzeit genutzt werden. Alle Familienmitglieder verbringen momentan viel mehr gemeinsame Zeit am selben Ort. Es prallen verschiedene Bedürfnisse aufeinander, dies erfordert Geduld und Rücksichtnahme. Einander manchmal auch auszuhalten zu können, durchzuhalten und gemeinsame Lösungen zu suchen, empfinden wir als wichtige Erfahrungen für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen.

Die Aufmerksamkeit von Jugendlichen gewinnen – doch um welchen Preis und mit welchem Ziel? Soziale Medien werden stark von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit geprägt (vgl. Franck 2010). Die Posts der Fachstellen müssen interessant und jugendlich daherkommen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Im Forschungsbericht E-Youth wird diesbezüglich von einer «emotionalisierten Werbesprache» gesprochen (vgl. Mayrhofer & Neuburg 2019). Als Fachstelle gilt es diesbezüglich aber auch kritisch zu sein, inwiefern eine solche Sprache bzw. solche Posts die Arbeitsweise der Fachstelle prägen und diese verändern können.

 

Gut zu wissen: Wir sind für alle Kinder und Jugendlichen in unserem Einzugsgebiet online und telefonisch erreichbar (Handy inkl. Whatsapp und Instagram).

 

Die aktuelle Zeit des «Neuanfangs» wird für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern anspruchsvoll und viel Neues mit sich bringen. Wir sind gespannt was diese Zeit mit sich bringt und setzten auf einen bedachten Einstieg unserer Arbeit und lassen den Kindern und Jugendlichen Zeit, sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. So verzichten wir bewusst auf digitale Angebote, welche bis anhin noch gar nicht gefordert wurden.

 

Dieser Beitrag soll als Diskussionspapier verstanden werden und ist nicht als vollständig zu betrachten.

 

Quellen:

Franck, Georg (2010): Kapitalismus Zweipunktnull. Über die Kommerzialisierung der Ökonomie der Aufmerksamkeit. In: Sighard Neckel (Hg.): Kapitalistischer Realismus. Frankfurt/Main: Campus, S. 217–231.

 Mayrhofer, Hemma & Neuburg, Florian (2019): Forschungsbericht Offene Jugendarbeit
in einer digitalisierten und mediatisierten Gesellschaft.
Endbericht zum Forschungsprojekt „E-YOUTH.works – Offene Jugendarbeit in und mit Sozialen Medien als Schutzmaßnahme gegen radikalisierende Internetpropaganda“.

DOJ, Fachgruppe Digitale Medien (2018): Leitfaden Digitale Medien in der OKJA. URL: https://wiki.doj.ch/wiki/Digitale_Medien_in_der_OKJA (Zugriffsdatum 01.06.20).

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von Volodymyr Hryshchenko auf Unsplash